Musikalisches Intro Franziska Hinteregger: Hallo und herzlich Willkommen zum Podcast des Autismuszentrums Sonnenschein in St. Pölten. Dieser Podcast hat die Idee, Informationen rund um das Thema Autismus-Spektrum mit Eltern, autistischen Menschen, Fachpersonen und allen anderen Interessierten zu teilen. Da jedes Kind einzigartig und jede Situation sehr individuell zu betrachten ist, können und wollen wir mit dem Podcast natürlich keine Therapie ersetzen, sondern ein paar grundlegende Ideen und Tipps mit unterschiedlichen Interviewpartner*nnen besprechen. Wir sind uns dessen bewusst, dass das Thema Autismus ein sehr vielseitiges ist. Daher freuen wir uns darauf, verschiedene Meinungen zu dem Thema zu hören und zu besprechen, denn nur so kann der Podcast und unser Wissen zu dem Thema weiter wachsen. Musikalische Unterbrechung Hinteregger: Stell dir vor, du bist in einem kleinen Raum mit vielen Menschen, die alle gleichzeitig und wild durcheinander reden. (Stimmengewirr wird im Hintergrund abgespielt) Im Hintergrund läuft laut Musik. (Jazz Musik wird zusätzlich zum Stimmengewirr abgespielt) Zusätzlich stellt dir eine Person immer wieder dieselbe Frage, in einer dir unbekannten Sprache. Und du, du hörst nur Gesprächsfetzen. Nach einer Zeit schaut dich die Person fragend an und wird gar wütend, weil sie ja keine Antwort erhält. Und du, du wirst unsicher und suchst nach einem Thema, das dir Sicherheit bietet, eines, wo du viel Wissen hast. Doch du merkst schnell, dass dein Gegenüber dich merkwürdig oder gar seltsam findet. Du versuchst dich anzupassen, versuchst die Sprache der Anderen zu sprechen, aber niemand scheint dich zu verstehen. Du versuchst mit Händen zu gestikulieren. Du wirst belächelt, weißt aber nicht, warum. Zusätzlich kommen die visuellen Eindrücke auf dich zu. Ein grellblinkendes Licht im Raum ist dir sehr unangenehm und der Wollpulli, den du trägst, kratzt. Die Situation wird immer unangenehmer und deine Unruhe steigt. Am liebsten würdest du dich zurückziehen. Nein, am besten noch hinaus, hinaus aus dem Raum. Doch wiederholt wird dir verweigert, den Raum zu verlassen. Und so beginnst du zu schreien, zu schreien und zu trommeln an die Türen. Doch keiner lässt dich heraus. Und du fühlst dich einsam in einem Raum voller Menschen, die dich nicht verstehen. Doch das wünscht du dir. Du wünscht dir jemanden, der deine Sprache spricht. Der versteht, was du willst und endlich diese Störgeräusche und das grelle Licht abdreht. (Stimmengewirr geht in immer lauter werdende rauschende Hintergrundgeräusche über und klingt am Ende aus) Menschen mit Autismus erleben anders. Sie verhalten sich oftmals anders und nehmen die Welt generell anders wahr. Immer mehr Menschen erhalten die Diagnose Autismus-Spektrum. Doch die Wenigsten wissen, was das genau bedeutet. Wie erleben Menschen mit Autismus die Welt? Was sind die Besonderheiten, mit denen Menschen mit Autismus konfrontiert werden? All diesen Fragen wollen wir in dieser Podcast-Folge nachgehen und bekommen Unterstützung von Prof. Dr. Christian Popow. Er ist Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Seine jahrelangen Erfahrungen und Tätigkeiten an der Medizinischen Universität Wien oder aktuell in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in der Landesklinik Mauer machen ihn zum Experten in vielen Bereichen, unter anderem im Themenbereich Autismus-Spektrum. Des Weiteren war er Schüler von Dr. Hans Asperger, auf den wir später noch zu sprechen kommen, und hat schon unzählige Kinder mit Autismus und deren Familien unterstützt und oftmals über lange Zeit begleitet. Musikalische Unterbrechung Hinteregger: Herr Professor, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit genommen haben und ich würde sagen, wir starten gleich mit der ersten Frage und die ist passend zum Folgen-Titel: Was ist Autismus? Prof. Dr. Christian Popow: Ja, Autismus ist eine häufige Störung von verschiedenen Funktionen, vor allem der höheren Gehirnfunktionen, also vor allem des sozialen Gehirns und vor allem der sogenannten Wahrnehmung, das heißt, wie man über die verschiedenen Sinneskanäle die Umwelt erfasst, verarbeitet und wie man letztlich auf diese unterschiedliche Verarbeitung reagiert. Das heißt, beeinträchtigt ist die Kommunikation auf der einen Seite und auch die Interaktion vor allem mit anderen Menschen, weil Menschen, die im sogenannten Autismus-Spektrum sind, die Umwelt anders wahrnehmen und daher auch anders darauf reagieren. Sie sind zum Beispiel viel detailorientierter, das heißt, Ihnen fällt zum Beispiel irgendein Wasserfleck auf der Zimmerdecke auf, aber Sie sehen sozusagen nicht das Ganze, was ist da in dem Raum, oder Ihnen fällt auf, dass jemand eine besondere Brosche oder einen schmutzigen Kragen oder einen fehlenden Knopf hat und die anderen Dinge sind dann nicht so wichtig. Hinteregger: Und kann man sagen, wie es zu dem Verhalten kommt, also was der Auslöser davon ist? Popow: Das hängt damit zusammen, dass vor allem die Verbindung zwischen den einzelnen Sinnes-Eindrücken und den Speicherorten im Gehirn beeinträchtigt ist bzw. die Vernetzung, wobei die kurze Vernetzung im Gehirn eher besser ist, das ermöglicht eben dieses Detailwissen, während die langen Bahnen, die unter Umständen auch beide Hemisphären bedienen, ein bisschen anders, also nicht so gut funktionieren. Das Zweite ist, dass Sie eventuell zu sehr einseitigen Interessen neigen, sehr gerne Dinge wiederholen. Bei kleinen Kindern merkt man zum Beispiel, dass sie sich sehr, sehr lange mit drehenden Bewegungen beschäftigen können oder Züge durch die ganze Wohnung bauen oder so und später dann Spezialinteressen entwickeln können, die vielleicht jetzt nicht unbedingt im allgemeinen Interesse sind, aber bei denen sie ein Spezialwissen auch erwerben können, das sogar Universitätsniveau haben kann, aber nicht unbedingt muss. Ich kann mich zum Beispiel sehr gut an einen Buben erinnern, der bei uns aufgenommen war und der ein besonderes Interesse für Mistautos hatte, also Müllabfuhrautos und stundenlang in der Müllverbrennungsanlage in der Spittelau zuschauen konnte, wie diese Autos gekommen sind, wie sie abgeladen haben und wieder weggefahren sind und was dann mit dem Müll passiert und so weiter. Und er war ganz, ganz, ganz, ganz besonders traurig, weil er irgendwo gehört oder gelesen hatte, dass es ein Müllauto gibt, das von der Seite beladen werden kann. Normalerweise kommen die Mistkübel immer von hinten und er hat sich das nicht vorstellen können und war also wirklich furchtbar depressiv und wir haben uns darüber unterhalten und ich habe dann versucht herauszufinden, ob die so etwas haben oder kennen und da war ein sehr netter Ingenieur und der hat gesagt, also sie machen das nicht, aber es gibt eine deutsche Firma und wenn er sich recht erinnert, dann gibt es sogar ein kleines Symbolvideo, wo man sieht, wie das funktioniert. Also ich habe ihm das gezeigt und er war glücklich. Wenn ich ihm das Schloss Schönbrunn geschenkt hätte, hätte er nicht glücklicher sein können. Musikalische Unterbrechung Hinteregger: Nochmal zurück zum Allgemeinen. Woher kommt eigentlich der Begriff Autismus? Popow: Ja, also das geht auf einen berühmten Schweizer Psychiater zurück, der Egon Bleuler geheißen hat, der sich sehr verdient gemacht hat um bestimmte psychiatrische Erkrankungen, die man Psychosen nennt oder Schizophrenie nennt und der gedacht hat, dass dies eine Frühform der Schizophrenie ist und sozusagen "autos" heißt auf Griechisch selbst und hat also damit zu tun, dass die Personen, weil sie eben diese Schwierigkeiten haben zu kommunizieren und zu interagieren, dass sie mehr auf sich selbst bezogen sind, im Rückzug sozusagen leben und sind, das aber aus meiner Sicht nicht freiwillig, sondern eher resignativ und diese Selbstbezogenheit, eben mit dem griechischen Namen autistisch genannt und hat also gedacht, dass es eine Frühform einer Psychose ist. Mittlerweile ist dieser frühe Psychosenbegriff, etwas, worüber man debattieren kann. Es gibt Leute, die davon überzeugt sind, dass es das selten zwar aber es sie gibt, aber es hat eigentlich der Autismus nichts mit Psychosen zu tun. Wohl aber gibt es ein etwas erhöhtes Psychose-Risiko bei Menschen im Autismus-Spektrum. Und später dann gab es zwei Österreicher, die in der Autismusforschung sozusagen pionierhaft waren. Das eine war der Professor Asperger, der an der Kinderklinik tätig war, auch deren Vorstand später wurde und der ein Thema, das an der sogenannten Heilpädagogischen Station über die Jahre gelaufen ist, aufgegriffen hat und Kinder beschrieben hat, vor allem Buben beschrieben hat, die eben diese Schwierigkeiten in der Kommunikation und so weiter hatten, aber nicht im geistigen Sinn beeinträchtigt waren, auch keine Sprachinfektionsstörungen hatten und der hat also einige dieser Kinder in seiner Habilitationsschrift beschrieben und diese Beschreibung ist so gut, dass man heute eigentlich kaum mehr etwas dazu beitragen kann. Der Professor Kanner ist auch ein Österreicher, der nach Berlin und von Berlin nach Amerika ausgewandert ist und der hatte auch Kontakt mit Leuten, die an der Heilpädagogik gearbeitet haben und hat also in Amerika das Konzept des sogenannten frühkindlichen Autismus, also jener Kinder, die auch eine Störung ihrer Sprachentwicklung haben vor allem, aber die sehr oft auch intellektuell beeinträchtigt sind und daher ein wesentlich schwereres Bild zeigen. Das eine Aspergerautismus, den anderen Kannerautismus genannt. Es wurden ja jetzt schon ein bisschen unterschiedliche Charaktermerkmale und unterschiedliche Ausprägungen von Autismus erklärt und jetzt ist die Frage, gibt es quasi fixe Formen, in die man Autismus einteilen kann? Ja, also man hat früher diese Einteilung gehabt, dass man gesagt hat, also es gibt die Kinder, die intellektuell beeinträchtigt und sprachentwicklungsverzögert sind primär und jene, die quasi eine normale Intelligenz haben und keine Entwicklungsverzögerung haben, aber diese Schwierigkeiten in der Kommunikation und Interaktion hat die eben Kanner- und Aspergerautismus genannt. Dann hat man gesehen, ein Teil dieser frühkindlich autistischen Kinder ist auch einer entsprechenden verhaltenstherapeutischen Behandlung zugänglich oder entwickelt auch selbst zwar verzögert, aber sprachliche Fähigkeiten und hat also dann gesagt, das sind die sogenannten High-Functioning Autisten. Und da gab es ein bisschen eine Verwirrung, weil sozusagen die, die eine verzögerte Sprachentwicklung haben und die, die keine verzögerte Sprachentwicklung haben, unterscheiden sich im Allgemeinen schon ein bisschen, aber manche Leute fassen die beiden auch unter High-Functioning Autismus zusammen, sodass man dann irgendwie drei Gruppen hatte, quasi die, die intellektuell sehr beeinträchtigt waren. Links von ihnen sind sozusagen die Kinder, die so schwer beeinträchtigt sind, dass sie also aufgrund ihrer geistigen Fähigkeiten nur schwer Kontakt zu anderen Menschen finden können oder aufgrund ihrer schweren Sinnesbeeinträchtigungen, also sind zum Beispiel Kinder, die blind und taub sind, dann sozusagen jene, die also eine verzögerte Sprachentwicklung haben, nicht so gut sind und werden, die man als High-Functioning bezeichnen könnte und dann jene besonderen, von Professor Asperger beschriebenen, Kinder, die eine normal-intellektuelle Entwicklung haben, manche von denen haben auch besondere Fähigkeiten und Begabungen. Diese Sonderfähigkeiten sind sozusagen das, was viel auch öffentliches Interesse hervorgerufen hat und die sind also vor allem in den logischen Bereichen, aber auch unter Umständen aufgrund ihrer besonderen Weicherfähigkeiten für Details, zum Beispiel gibt es da einen französischen Autisten, der ein äthetisches Gedächtnis für Bilder hat, das heißt, der diese Bilder bis ins kleinste Detail rekonstruieren kann und auch zeichnen kann, da gibt es zum Beispiel die Geschichte, dass der mit einem Hubschrauber über Paris geflogen ist und Tage später noch genau die Häuser und die Fenster und die Inhalte zeichnen konnte, also schon phänomenale Eigenschaften, man nennt diese Menschen Sevens oder Savants, sind also eine kleine, aber sozusagen sehr spezielle Gruppe. Nun ist es ja so, dass die Diagnosestellung nicht mehr anhand dieser unterschiedlichen Kategorien stattfindet, sondern vielmehr als Spektrum das Ganze gesehen wird, deswegen auch Autismus-Spektrum. Nun, das bedeutet doch, dass diese unterschiedlichen Auffälligkeiten in verschiedenen Bereichen quasi eingegliedert werden, für die Diagnose schon wichtig sind, aber nur quasi ein Bereich festgelegt wird, von dem man dann als Autismus-Spektrum-Störung ausgehen kann oder wie kann man dieses Spektrum genau erklären? Menschen, die auf den verschiedenen, wenn man so will, Ausprägungen, das heißt Sprache, Kommunikation, Flexibilität, also all diese Dinge kann man quasi als Spektrum definieren und das heißt, man hat also von dem sehr wenig oder viel zu viel und auch da wieder sind die meisten irgendwo in der Mitte, aber so würde man das charakterisieren. Und in den Grenzbereichen wird es schwierig bei der Diagnostik und was jetzt zu diesem Spektrum noch dazukommt, sind quasi die Neigung, dass man andere Probleme auch haben kann, sogenannte comorbide Probleme. Dazu gehört vor allem die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, also das ADHS. Etwa 60 Prozent der Menschen im Autismus-Spektrum haben auch eine Störung sozusagen der Steuerung ihrer Aufmerksamkeit. Was oft dazukommt, ist auch eine Störung des Sozialverhalts und es gibt da auch einen überschneidenden Bereich, das heißt bis zu einem Viertel der Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Problemen können auch autistische Symptome haben. Tickstörungen sind dazu, Angststörungen, Depressionen, eine höhere Wahrscheinlichkeit auch, dass man Psychosen im späten Jugendalter entwickeln kann und ähnliches. Und diese Zusatzprobleme machen dann sozusagen auch einen Teil dieser sehr unterschiedliche Bilder aus. Und man sagt, dieses sogenannte Spektrum ist so, dass es Leute gibt, die man auch unter Umständen als Spezialist über sie und dazu gehören vor allem die Mädchen, weil sie, das weiß man noch nicht genau, aber entweder aufgrund der Anforderungen, die die Mütter an ihre Töchter stellen, mehr quasi sozialisierter sind oder werden und daher primär nicht so auffallen. Und es fallen also dann nur die sehr stark betroffenen Mädchen auf, denn bei den anderen sind es sozusagen eher die vielleicht ein bisschen Besonderheiten, vor allem die normal oder sehr gut begabten autistischen Mädchen, die kommunikativ da sind, aber vielleicht auch so ein bisschen Auffälligkeiten in der Sprechweise haben. Gibt es sowas wie Gründe für Autismus, also warum ein Kind Autismus hat und ein anderes nicht? Also Autismus ist hauptsächlich genetisch bedingt. Es gibt also noch andere Risiken, also sehr frühe Frühgeburtlichkeit, ältere Eltern, was dafür eben spricht, dass sozusagen die Keimzellen, vor allem ältere Väter, also das Risiko beginnt ab 40 etwa zu steigen. Wir wissen auch, dass zum Beispiel Morbus Dawn ab 40 ein hohes Risiko hat oder ein höheres Risiko hat. Also das spielt sozusagen eine Rolle und diese genetischen Veränderungen betreffen vor allem den Code für bestimmte Proteine, Eiweiße, die für die Ausprägung von Nervenverbindungen verantwortlich sind. Das heißt, es ist für Menschen mit Autismus schwieriger, dass sich die Nervenzellen vernetzten können und das führt am Anfang des Lebens dazu, dass sie also viel, viel mehr Verbindungen schaffen, die aber dann wieder abgebaut werden, weil sie quasi ins Leere führen. Und dadurch haben jetzt statistisch gesehen, Kinder mit dem Autismus-Spektrum sind oft einen größeren Kopf oder im Durchschnitt einen größeren Kopf als die anderen und erst später normalisiert sich das quasi. Nun ist es ja so, dass durch das Autismus-Spektrum man ja nicht alle einfach verallgemeinern kann. Also nicht jeder Autist, jede Autistin hat eine spezielle Begabung, wie in Filmen und Medial halt oft dargestellt. Und es kommt aber dennoch im Alltag oft zu Problemen. Und gibt es diese Herausforderungen im Alltag, die allgemein gültig sind oder ist es wirklich von Person zu Person komplett individuell? Ja, ganz bestimmt. Und das erlebe ich auch sozusagen unter Kollegen. Für mich ist ein Autist einer, der zurückgezogen bei der kleinsten Kleinigkeit aus dem Häuschengerät und kaum ansprechbar ist oder so. Und das ist überhaupt nicht richtig. Sondern es gibt also vor allem diese Hauptkriterien, Kommunikation und Interaktion auf der einen Seite und quasi eventuell dieses Stereotyp. Aber wo sozusagen die ganz große Probleme haben, ist in der Flexibilität. Sie können ein wenig flexibel auf veränderte Umweltbedingungen reagieren und geraten daher sehr leicht in Sackgassen. Und wenn man in einer Sackgasse ist und man möchte quasi hinter das Haus, dass die Sackgasse begrenzt, dann möchten Sie quasi durch das Haus durch, weil Sie sich vorstellen können, quasi 180 Grad umzudrehen, dreimal so ums Eck zu gehen, dann ist man dort. Aber diese Fähigkeit haben Sie also nicht so gut. Und das heißt, vor allem wenn Sie kleiner sind oder wenn Sie intellektuell nicht so gut begrabt sind oder so, haben Sie gerade in diesen Bereichen die ganz, ganz großen Schwierigkeiten bekommen, furchtbare Zornanfälle. Aber in der Therapie kann man versuchen, um diese Flexibilität zu fördern, diese ja in ihrer weiteren Entwicklung hemmt und hindert. Und das ist das ganz große Wunder und Ziel, das aber leider in den meisten Fällen nicht so verwirklicht werden kann, weil die Therapie sehr aufwendig ist und Spezialisten erfordert und die gibt es zumindest bei uns nicht in diesem großen Ausmaß. Und weil das nicht gefördert wird, sozusagen bleiben viele, vor allem frühkindliche Autisten in ihrer Entwicklung weit, weiter zurück, als sie sein müssten. Und das ist also ein ganz, ganz, ganz großes Anliegen, das wahrscheinlich noch mindestens ein oder zwei Generationen brauchen wird, um hier eine flächendeckende Versorgung vor allem der frühkindlichen Autisten zu schaffen. Und in der Therapie ist es sozusagen auch der ganz, ganz, ganz entscheidende und wichtige Punkt bringt, wenn Sie eine Sprachentwicklungsverzögerung haben oder was bei etwa 15 Prozent der Fall ist, sich zunächst einmal entwickeln und dann aber wieder zurückentwickeln, dann ist sozusagen das Überwinden der Hindernisse, zu sprechen, zu beginnen, die ganz große Herausforderung, etwa ein Drittel der frühkindlichen autistischen Kinder erreicht also keine aktive Sprache und was da hilft oder helfen kann, ist unter Umständen bildgestützte Sprache. Das hat also ein Kinderarzt und seine Frau, die Logopädin ist, haben also da ein System, das heißt PECS, Pictures Exchange Communication System und dieses System bringt die Kinder sozusagen nach einer verhaltenstherapeutischen Sprachentwicklungstheorie, bringt sie dazu sozusagen zumindest Bilder sozusagen zu erkennen bzw. Bilder einzusetzen, um zu sagen, was sie wollen oder was sie beschreiben wollen oder so nicht. Und wenn man keine Sprache hat, ist es zum Beispiel ganz, ganz schwierig zu sagen, ich habe Bauchwehe, ich habe Kopfwehe, ich habe Zahnwehe und also das ist ganz, ganz, ganz furchtbar daher, das ist die ganz, ganz große Herausforderung, die Kinder zum Sprechen zu bringen und wenn man sie sozusagen, die zurückgezogen sind, die quasi nichts Neues lernen wollen, wenn man diese Kinder dazu bringt, sich für ihre Umwelt zu interessieren, sich für Spielsachen zu interessieren, für Interaktions zu interessieren oder so, dann kann man diesen Kindern sehr gut helfen, zumindest ein bestimmtes Niveau zu erreichen und es gibt also Therapiezentren in Israel oder in den Vereinigten Staaten, die bis zu 80 Prozent der frühkindlich autistischen Kinder relativ weitbringen, sodass sie zumindest am unterstützten Schulsystem oder also zumindest im Sonderschulsystem oder im inklusiven Bereich beschulbar sind und das ist natürlich, macht einen ganz, ganz großen sozusagen Fortschritt aus. Auf der anderen Seite, die Kinder, die keine Entwicklungsverzögerung, keine Sprachentwicklungsverzögerung haben, sind trotzdem sehr oft Außenseiter, weil sie zunächst einmal sich gar nicht trauen, ein Gespräch zu beginnen, wenn man sie dazu anleitet und es gibt also Coaches, die das in der Schule quasi versuchen, trotzdem schwierig, weil sie Schwierigkeiten zum Beispiel zeigen, wenn jemand anderer auf ihrem Platz sitzt, sind sie verzeifelt, weil sie nicht wissen, wie sage ich das jetzt dem, dass das mein Platz ist und das sind so die Schwierigkeiten im Alltag. Oder sie labern einen voll mit ihren Spezialinteressen und können nichts unterscheiden, das interessiert den anderen jetzt genauso brennend, sie nehmen das an, dass sie ihn jetzt genauso brennend interessiert wie sie selbst und merken also nicht die Zeichen, wenn der schon auf die Uhr schaut oder bzw. müssen erst lernen, wenn der auf die Uhr schaut, dass sie dann fragen müssen, erzähle ich zu viel oder wir erinnern mich nicht und das sind so die alltäglichen Schwierigkeiten, wenn zum Beispiel Mathematik statt Deutsch kommt oder so sind sie aus dem Häuschen, also diese Flexibilitätsprobleme machen das Leben auch für die hochfunktionalen oder sozusagen nicht intellektuell beeinträchtigten autistischen Kinder oder Menschen auch später so schwierig. Es gibt ja Kritik beim Thema Therapie und Autismus, die meint, dass sich AutistInnen so sehr an, ich sage jetzt mal unter Anführungszeichen, die normale Welt anpassen statt umgekehrt. Das heißt, müssten wir uns nicht auch ein bisschen an AutistInnen annähern und lernen, wie wir ihnen bei diesen Alltagsproblemen helfen können, um diese im besten Fall zu keinen Problemen zu machen? Ich denke beides ist richtig. Ich denke, was wichtig ist, ist Bewusstmachen, dass Flexibilität etwas ist, was im Leben gefordert wird, weil man also nicht immer alles voraussehen kann und ich erinnere mich da an einen Buben, nicht der, wenn die Mutter gesagt hat, wir fragen heute den Großvater Besuch und der irgendwo eine Stunde entfernt gewohnt hat oder so, dann wurden zunächst einmal alle Ängste angesprochen, was ist, wenn das Auto, wir das Auto nicht finden oder es gestohlen ist, was ist, wenn das Auto nicht startet, was ist, wenn wir kein Benzin haben, was ist und so weiter. Also 100 Fragen und wenn die alle beantwortet waren, dann konnte man das machen nicht und obwohl er gewusst hat, dass es eine Stunde dauert, bis sie dort sind, hat er nach fünf Minuten gefragt, ja, sind wir jetzt schon bald da. Also solche Dinge können sehr schwer werden und das ist, glaube ich, schon ganz wichtig in der Erziehung auch darauf zu achten, dass man jetzt nicht alles akzeptiert, sondern dass man sagt, das Leben ist so, dass das nicht alles vorausgebar und planbar ist und es gibt immer einen Ausweg und immer eine Möglichkeit oder fast immer einen Ausweg und eine Möglichkeit. Deshalb ist Elterntraining auch so wichtig, weil wenn man die Kinder besser versteht, kann man besser auf ihre Probleme eingehen und kann also besser versuchen, auch Dinge aufzubauen oder so und ich erinnere mich an ein Elterntraining, wo eine Mutter eben das Problem gebracht hat, ihr vierjähriger Bub ist von der Rolltreppe im Bahnhaus nicht wegzubringen und will also immer wieder hinauf und hinunter und hinauf und hinunter und auch nur der Versuch, ihn von der Rolltreppe wegzubringen, ist also mit einem Riesenschrei-Anfall, sodass die Mutter dann nicht mehr ins Kaufhaus gegangen ist und dabei ist es nicht so schwer, die Geschichte ist die, man muss also schauen, dass es etwas gibt, was noch attraktiver ist als das Rolltreppenfahren oder so, man muss dann mit einem Schlüsselwort versuchen, hier einen Trigger zu setzen. Wir haben dann herausgefunden, es gibt dort, wo diese Rolltreppe ist, auch eine kleine Konditorei und das war doch attraktiv und aus war es mit dem Problem an der Rolltreppe. Also die Lösung ist oft nicht so schwer, wie man glaubt oder wie es im Jakubowski und der Obers heißt, es gibt immer zwei Möglichkeiten und wenn man die zweite nicht sieht, dann hat man nicht genug nachgedacht. Ja, ich glaube, besser kann man eine Podcast-Folge gar nicht beenden, deshalb darf ich mich jetzt nur mehr bei Herrn Prof. Popov im Namen vom Autismuszentrum Sonnenschein bedanken, dass er sich so lange Zeit genommen hat und so ausführlich über das Thema gesprochen hat. Des Weiteren bedanken wir uns fürs Zuhören, hoffen Ihnen hat die Podcast-Folge gefallen und wir würden uns freuen, wenn Sie das nächste Mal wieder zuhören. Da wird die stellvertretende Leiterin des Autismuszentrums Sonnenschein, Lisa Jägersberger, Tipps zum Umgang mit Kindern im Autismus-Spektrum geben, unter anderem, was sind die Besonderheiten beim Beziehungsaufbau mit Kindern mit Autismus oder welche Tipps hat die Expertin für das gemeinsame Spiel für zuhause, im Kindergarten, der Schule oder der Therapie. All das und noch viel mehr beim nächsten Mal.